Eva Stöwe ist Governance Architect bei Chamapesa, einer App, die den sogenannten Chamas in Kenia hilft. Chama ist der kenianische Name für einen Sparverein. Sparvereine gibt es seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt und bringen einige Probleme mit sich. Um diese zu beseitigen wurde Chamapesa gegründet. Die App macht das Sparen und Verwalten für die Mitglieder der Chamas sicherer.

Wie Chamapesa in Kenia Probleme löst

BASE58: Hallo Eva, stell dich doch kurz unseren Lesern vor.

Eva Stöwe: Hi, ich bin Eva Stöwe, berate EOS halte Vorträge auf Konferenzen, code und bin als Governance Architect bei Chamapesa aktiv.

BASE58: Erzähl uns von Chamapesa – welches Problem möchtet ihr lösen?

Stöwe: Ja, es ist leider nicht so einfach zu pitchen, wie viele andere Projekte, weil das Problemfeld ein wenig größer ist. Dazu muss ich erst mal die Ursprungssituation erklären: Man muss sich zunächst nach Afrika begeben, es ist eine Welt, die für uns Europäer sehr ungewohnt ist, auf den ersten Blick sieht alles gleich aus, aber beim genauen Hinsehen sieht man, was dort alles gemacht werden kann. Es gibt dort kein Sicherheitssystem, keine Krankenversicherung, keine gut organisierte Schulbildung – um all das was wir hier kennen, müssen sie sich selbst kümmern. Das heißt vor allem sie müssen für alles sparen.

Hauptsächlich wird das Sparen von Frauen betrieben, aber nicht mit Hilfe von Banken, denn diese interessieren sich nicht für die kleinen Leute.

Sie sind aus Sicht der Banken zu uninteressant und kreditunwürdig. Um sich selbst zu helfen, haben sie über die Zeit ein System entwickelt, das es eigentlich überall auf der Welt gibt und überall einen anderen Namen hat.

In Kenia heißen sie Chamas und in Deutschland kennen wir sie als Sparvereine, was im Ursprung das Kernprinzip der Genossenschaftsbank ist.

Wie Sparvereine bzw. Chamas in Kenia funktionieren:

Stöwe: Es ist der einzige Weg in Orten wie Kenia, um ohne Hilfe von Banken zu sparen und hierbei treffen sich hauptsächlich Frauen. Einmal im Monat bringen sie ihr zu sparendes Geld zusammen und jeder hält genau fest was eingezahlt wird. Dies wird aufwendig in Büchern notiert, wodurch jeder der Gruppe ein eigenes, kleines Sparbuch besitzt.

Chama Versammlung in Kenia Eva Stöwe Chamapesa Sparverein
Frauen in Kenia warten auf den Beginn einer Chama-Veranstaltung. (Bild: Eva Stöwe – Chamapesa)

Aus dem gesammelten Ersparten kann dann vielleicht ein kleiner Kredit an Jemand in der Gruppe ausgeben werden, die Zinsen werden dann an die Einzahler ausgezahlt. So sparen die Menschen in Kenia oder in anderen Ländern nach und nach mit ihrer Gruppe gemeinsam.
Wenn sie es versuchen würden, das Geld unter das Kopfkissen zu verstecken, dann ist es ganz schnell weg. Entweder weil es geklaut wird, oder weil jemand aus der Nachbarschaft oder Familie kommt, um es sich dringend zu leihen. Der einzige Weg zu sparen, ist in dieser kleinen disziplinierten Gruppe.

Was macht Chamapesa?

Stöwe: Diese kleinen Gruppen möchten wir unterstützen, indem was sie wirklich tun, indem wir ihnen eine kleine App zur Verfügung stellen, damit sie das Ganze nicht mehr auf Papier machen müssen, sondern mit ihrem Smartphone. Smartphones sind dort sehr verbreitet, das ist das, was sie kennen und dauernd nutzen.

BASE58: Führe uns doch einmal kurz durch den Prozess. Es scheint ja so, dass die Chamas nur Listen führen, mit dem gespartes gelistet wird. Wo wird das Geld im Normallfall abgelegt und wie wird das mit Chamapesa anders laufen?

Stöwe: Das ursprüngliche Verfahren ist, dass es kleine Kästchen gibt, die ganz speziell dafür gebaut wurden. Die haben mehrere Schlösser und entsprechend viele Schlüssel. Es gibt verschiedene Verfahren wie es sicher gehalten wird. Zum Beispiel wird das Kästchen von drei Leuten abgeschlossen und jemand Viertes nimmt das Kästchen mit. Es ist nicht so leicht aufzubrechen und beim nächsten Meeting wird vorher nachgezählt ob der Betrag stimmt.
An dem Abend, an dem dann das Chama-Meeting stattfindet, legt jeder das Geld auf den Tisch, es wird alles durchgezählt und notiert wer eingibt oder wem was zusteht.

Frauen aus Kenia bei einer Chama Sparverein Versammlung - Bild Eva Stöwe Chamapesa
Frauen aus Kenia bei einer Chama Sparverein Versammlung – Mitglieder einer Chama nehmen das Geld entgegen und tragen den Betrag in ein Kontobuch (Bild: Eva Stöwe – Chamapesa)

So ist das traditionell, es gibt mittlerweile auch ein paar Organisationen, die versuchen dies ein wenig zu unterstützen, z.B. dass sie das eingesammelte Geld verwalten und zur Bank zu bringen. Das ist aber nicht so sicher, wie man das hier in Deutschland gewohnt ist, weil auch da ganz viel Korruption besteht und es kann auch ganz schnell mal sein das ein Bankkonto irgendwelche Transaktionen aufweist, an denen man nicht so interessiert war.

Die App von Chamapesa

BASE58: Wie wird eure App funktionieren? Ist das eine Multi-Signature-Wallet in denen die Ein- und Ausgänge kontrolliert werden? Und wo liegt denn das Geld?

Stöwe: Es gibt da erstmal verschiedene Optionen, da wir das, was die Chamas machen, unterstützen wollen. Das Ganze passiert auf der Ricardian Software von Ian Grigg, der da schon seit Ewigkeiten dran arbeitet. Dort lassen sich eigene Kryptowährung abbilden, welche trotzdem auf dem bei einer Bank eingezahlt Bargeld beruhen können. Mit dieser Chama-Währung könnte zwischen den Chamas gehandelt werden und wir würden mit einem eigenen Coin, einem Utility Token, in dem nicht gespart wird, dass System zusätzlich unterstützen.

BASE58: Es wird immer in der lokalen Währung gespart?

Stöwe: Es kann die lokale Währung, es könnte der Dollar oder es könnte auch irgendeine Kryptowährung sein. Die Wahrscheinlichkeit ist im Moment relativ hoch, dass da sehr schnell mit Kryptowährungen gespart wird, weil es in Afrika viel Affinität dazu gibt.

BASE58: Habt ihr Chamapesa bereits vor Ort getestet?

Stöwe: Der letzte Stand, Version 4.0, ist tatsächlich vor Ort eingesetzt worden – aber nur relativ lokal mit ein oder zwei Chamas.

Prinzipiell ist die Chamapesa-App funktionstüchtig, aber wir wollen noch einige Features hinzufügen, bevor wir sie auf den breiten Markt schmeißen.

Wir sind da auch in Kontakt mit den lokalen Leuten, um Nutzer-Feedback zu bekommen und haben bereits Interessenten für die Beta Version. Es ist definitiv eine gefragte App, aber nichts, was wir im Moment auf den Markt schmeißen wollen.

BASE58: Wie viele Chamas würdet ihr denn theoretisch auf der ganzen Welt erreichen können?

Stöwe: Auf der ganzen Welt? Keine Ahnung.

In Kenia alleine gibt es aber 1,2 Millionen Chamas

Allerdings entstehen und vergehen diese und neue werden in ganz Afrika entstehen. Aber auch in Europa gibt es Ansätze und man kann es auch für andere Dinge anwenden. Es sind auch viele Migranten und Auswanderer darunter, die sowas nutzen.

Chamas und Sparvereine weltweit

BASE58: Gibt es auch in Deutschland Chamas?

Stöwe: Sehr wahrscheinlich. In England haben wir auf jeden Fall mal die migrantischen Uber-Fahrer oder Taxi-Fahrer gefragt, mit denen wir unterwegs gewesen sind, die zwar den Namen „Chama“ nicht nutzten, aber das System mitgebracht haben.

BASE58: Man könnte also auch Chamas in Deutschland führen, wenn man nicht der eigenen Sparkasse vertraut? Oder weil zu wenig Zinssatz herauskommt?

Stöwe: Ja, natürlich. Bei dem Zinssatz muss man schauen, wieviel man bei dem eigenen Chama bekommt, aber tatsächlich ist da auch ein sozialer Aspekt dabei.
Das ist auch der Grund, warum viele das machen und es gibt noch immer die alten Sparvereine. Diese Ansätze sterben nicht aus und man kann mehr machen als nur Geld zu sparen oder zu verwalten. Man könnte sich auch gut vorstellen, dass man beispielsweise zusammen mit ein paar Leuten Kryptowährungen verwaltet und gemeinsam investiert. Diese Chamas investieren auch gemeinsam in Dinge.

Blockchain-Technologie für Chamas

BASE58: Wie wollt ihr das Ökosystem ausbauen? Wie könnten Smart Contracts und DAOs für Chamas eingesetzt werden?

Stöwe: Im Moment gehen wir wirklich erst mal von den kleinen Chamas aus, wir wollen sie vernetzen damit ihre Arbeit besser im Netzwerk funktioniert.
Trotzdem ist es uns wichtig, dass diese kleinen Gruppen bestehen bleiben, weil aus diesen die Energie kommt und auch das Vertrauen, das man gemeinsam ein Ziel verfolgt und weiß das jeder mitagiert und mitzieht.

Diese Sparvereine sind auch vor allem dafür da um vor Ort eine Investition machen zu können. Für die Einzelleute aber auch gemeinsam als Gruppe. Im Moment fehlen da noch interessante Investitionsmöglichkeiten.

BASE58: Das ist ja spannend, dass bereits vor Ort die Idee von Chamapesa schnell angenommen und auch aufgebaut wird. Gibt es da auch Crypto-Startups?

Stöwe: Ja, es gibt eine sehr aktive Kryptoszene, und die Chamas werden da schon für derartige Sachen verwendet. Wir waren im Februar in Kenia und haben viele Crypto-Events innerhalb einer Woche in Nairobi besucht. Ian und ich – wir sind auch Advisor bei EOS – sind innerhalb eines Tages gefragt worden: ,,Ihr macht doch was mit EOS? Könnt ihr dazu auch was erzählen?“ Innerhalb von 24 Stunden wurde dann dort ein Raum, Essen, Getränke und 30 Leute für ein Meetup organisiert. Aus diesem Meetup ist ein EOS Block Producer Kandidat hervorgegangen. Da ist einfach ganz viel Aktivität, ganz viel Interesse und auch ganz viel Ernst dahinter.

Blockchain-Technologie in Afrika

BASE58: Hervorragend, das freut mich zu hören. Abgesehen von Chamapesa, was denkst du wie Blockchain in anderen Bereichen momentan für einen positiven sozialen Impact in Afrika eingesetzt werden kann?

Stöwe: Es ist immer schwerer als Weißer etwas zu sagen, wenn man nicht lange dort gelebt hat. Die Chamas haben wir uns erst angeschaut als wir teilweise dort schon länger gelebt haben. Was auf jeden Fall eine hilfreiche Sache ist, um auch Korruption zu vermeiden. Das ist etwas wonach viele Ausschau halten und auch die Zugänge zu Währung, Sparen und Investieren und ähnliches. Für viele Leute gibt es das so nicht. Die Wertsteigerungen, die da entstehen sind auch für Kenianer erst recht interessant.

BASE58: Ließe sich mit chamapesa-ähnlichen Lösungen auch mehr Vertrauen in öffentliche Verwaltung entwickeln?

Stöwe: Das wäre natürlich schön, wenn das funktionieren würde. Aber generell muss man anders denken, als wenn man in Europa ist. Es gibt viele verschiedene Szenarien, in denen man auf die vertrauenslose Transaktionssicherheit bauen und damit wichtige Dinge dokumentieren kann.
Interessant andererseits, aber auch ganz gefährlich, da muss man aufpassen, dass das nicht ausgenutzt wird, ist eine zentrale Nutzung von Staaten, Organisationen und Individuen . Das ist wieder eine Chance für Korruption und deswegen sind wir vorsichtig und gehen anders vor.

BASE58: Du meinst das Blockchain gut sein könnte für Überwachung?

Stöwe: Genau, wenn jemand weiß das jemand anders Geld hat, dann kommt garantiert jemand vorbei und behauptet: ,,Ich bin Steuereintreiber oder Polizist“ oder sonst was und macht da Druck! Das ist ziemlich wahrscheinlich, dass das passiert oder das Bankkonto leergeräumt wird. Deswegen muss man auch aufpassen.
Prinzipiell kann natürlich Blockchain Technologie sehr viel helfen, da muss man aber sehr stark aufpassen, dass da keine Leute in die Gefahr geraten, Opfer zu werden.

BASE58: Weil jeder sehen kann, was die verdienen.

Stöwe: Ja genau. Das ist eben ein Problem.

BASE58: Hast du noch eine Botschaft für unsere Leser?

Stöwe: Mir persönlich liegt Privatsphäre sehr am Herzen, deswegen sehe ich auch viele Ideen am Markt sehr skeptisch.

Das wir unsere Identität auf die Blockchain packen, ist das Letzte was ich möchte.

Zumindest nicht im klassischen Sinne, da muss man sehr vorsichtig sein. Deshalb gehen wir in Chamapesa das Thema Identität anders an. Ansonsten die kleinen Gruppen bringen die Kraft. Ich denke da hat jeder schon seine eigene Erfahrungen gemacht, das die kleine eigene Peer Group sehr viel Energie mit sich bringt und wo man mit einem kleinen Team, das man sich selbst zusammen stellt, einer kleinen Gruppe die man kennt, wirklich Dinge erreichen kann und auch sehr viele Erlebnisse haben kann, die einem wirklich sehr viel weiter bringen.

BASE58: Vielen lieben Dank für das Gespräch.

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