Jeff Gallas über das Bitcoin Lightning Network, dem Second Layer Protokoll, über den Lightning Hackday, die Anfänge von Bitcoin in Berlin und die Gründe, wieso Berlin zum Top-Standort für Blockchain-Startups wurde. Außerdem spricht er über sein Startup Fulmo, das potenzielle Projekte und Geschäftsanwendungen für das das Bitcoin Second Layer Protokoll untersucht.

Jeff Gallas arbeitet seit Beginn aktiv am Bitcoin Lightning Network mit, dem Second Layer Protokoll für Bitcoin. (Eine Erklärung zu Bitcoin findet ihr unter ,,Was ist Bitcoin?“) Das Bitcoin Lightning Network gilt als die zur Zeit beste Lösung um schnelle und kostengünstige Transaktionen auf der Bitcoin-Blockchain zu ermöglichen. Jeff Gallas ist Blockchain-Berater, Investor und Unternehmer und lebt in Berlin. Seit 2011 ist er in der Blockchain-Szene aktiv, außerdem ist er Berater für diverse FinTech-Startups.

Base58: Jeff, es freut mich, dich kennen zulernen. Erzähle doch kurz, wer du bist und was du hier in Berlin machst.

Jeff Gallas: Hi, ich bin Jeff und seit ein paar Jahren in der Berliner Bitcoin Community dabei. Ich bearbeite aktuell das Thema Bitcoin Lightning Network. Und heute, am 23.Juni, sind wir beim zweiten Lightning Hackday im TechCode am Alexanderplatz.

Der Lightning Hackday

Base58: Was ist der “Lightning Hackday”?

Gallas: Lightning Hackday – das Bitcoin Lightning Network und der Hackday ist eine Mischung aus Hackathon und Barcamp. Also zum einen ein Dauerprogrammieren, um von morgens bis abends kleinere Programme oder Präsentationen zu erstellen, und zum anderen eine Konferenz, bei der die konkreten Themen erst am Konferenztag selber festgelegt werden und wo jeder, der Lust hat, sprechen kann.

Es präsentiert einfach am Morgen jeder sein Thema, zu dem er Experte ist oder Fragen hat, und wer Lust hat, kann dann auf das Thema aufspringen und dazu eine Arbeitsgruppe bilden oder in die einzelnen Sessions reingehen und zuhören, was die Leute zu sagen haben.
Und da ergeben sich dann immer interessante Diskussionen und man sieht neue Projekte.

Beim Lightning Hackday entstehen – im Gegensatz zu klassischen “Blockchain”-Konferenzen – eher tiefere Diskussionen, wie: Wohin geht die Reise mit dem Bitcoin Lightning Network? Wie funktionieren einzelne technische Aspekte davon oder wie sollen sie funktionieren?

Wie kann man zum Beispiel Lightning-Zahlungen in Automaten integrieren? Zum Beispiel, um aus einem Süßigkeiten-Automaten M&M’s zu kriegen? Es geht alles von Müsliriegeln bis zu Bahntickets, Waren des täglichen Bedarfs und solche Geschichten. Das ist ein relativ breites Spektrum an Themen, was da möglich ist. Man kann das als spielerische Grundlage für eine Vielzahl von Anwendungen sehen, ob nun in der Industrie oder im Endkundenbereich. Der nächste Lightning Hackday findet am 01.September statt.

,,Berlin ist einer der Top-Orte für Bitcoin“

Base58: Das ist ja spannend, dass wir das hier in Berlin machen. Berlin war ja auch der erste Ort in Deutschland, an dem man Bitcoins kaufen konnte.

Gallas: Ja, weltweit sogar – in einem echten Laden. Das war – oder ist es nach wie vor – der Room77 in Kreuzberg, das ist der am längsten Bitcoin-akzeptierende Laden der Welt. Der Welt!

Base58: Sind solche Events wie heute auch Kernelement, um die Bitcoin Community in Berlin wachsen zu lassen? Oder was ist das Ziel eures Lightning Hackday für dich als Veranstalter?

Gallas: Die Community wachsen zu lassen ist kein Selbstzweck. Wir haben ja schon eine gute Community und auch viel Hilfe im Vorfeld bei der Organisation des Lightning Hackdays gekriegt. Das kann man alles in Berlin machen, weil einerseits ist Berlin die richtige Stadt dafür, wie für viele andere Themen auch, aber andererseits ist Bitcoin – oder man sagt ja heute auch Blockchain dazu – ein Thema, das in Berlin schon stark verankert ist.
Das passt im Prinzip ganz gut zusammen. Wir haben hier früh mit Bitcoin begonnen und jetzt ist es für mich nur folgerichtig, auch früh mit Lightning anzufangen.

Base58: Berlin ist der Place-To-Be. Wie siehst du die Konkurrenz im internationalen Vergleich? Zu Crypto Valley, was ein ganz gutes Branding hat, zu London, wo anscheinend die meisten Bitcoin/Blockchain Startups sind, oder auch zum ganz klassischen Silicon Valley?

Bitcoin-Szene in Berlin aktiv seit 2011

Gallas: Naja, Konkurrenz ist vielleicht das falsche Wort, das ist eher eine gegenseitige Befruchtung. Wir haben hier heute Leute aus dem Silicon Valley, aus London, aus Paris – also aus vielen Städten wo bitcoinmäßig was abgeht und dadurch, dass es so ein verteiltes Projekt ist, bilden sich natürlich auch internationale Hotspots. Berlin steht da schon sehr weit oben. Und wenn du diese ganzen Blockchain-Projekte ansiehst, gibt es ja auch viel in Berlin. Aber ich würde sagen, dass das alles mit der lokalen Bitcoin-Szene gestartet ist und dadurch, dass das hier so aktiv war am Anfang, schon seit 2011 ungefähr, haben sich dann auch viele Sachen hier maßgeblich niedergelassen, also Ethereum ist zu einem wesentlichen Teil auch hier in Berlin oder Lisk – es gibt hier auch schon größere Startups.

Base58: Daneben, dass Bitcoin schon lange in Berlin ist, habt ihr natürlich viele andere Vorteile, die Berlin für Crypto-Startups attraktiv machen.

Gallas: Ja, zeitlich schon, das passt halt alles zusammen von der Stadt her. Es ist günstig, du kommst ganz gut hin, es gibt Jobs – und andererseits sind die Jobs auch noch nicht zu teuer für Unternehmen, du kriegst auch noch günstig gute Leute. Und Wohnraum ist trotz aller Kritik immer noch günstig im internationalen Vergleich – also, wir reden jetzt hier vom Vergleich mit Silicon Valley, San Francisco. Du kommst wahrscheinlich in San Francisco gerade mal einen Monat klar mit dem Budget, wovon du ein halbes Jahr in Berlin ganz gut leben kannst. Und das ist natürlich für viele Leute auch ein maßgeblicher Faktor herzukommen. Aber das sind eher so die Standortfaktoren von Berlin allgemein – Konkurrenz sehe ich jetzt nicht so stark. Es sind überall immer Konferenzen und es ist für mich schön, dass das alles in Berlin passiert und viel in Berlin ist, weil das ist einfach meine Wahlheimat und da muss ich nicht so weit fahren.

Bitcoin ist das wertvollste Protokoll.

Base58: Wird Deutschland auch gleichziehen mit Orten, die eine leichtere Regulierung haben? Es wird auch viel in Liechtenstein und der Schweiz programmiert.

Gallas: Ja klar, das ist ja ein gängiges Modell, dass die offizielle Foundation in Liechtenstein oder in der Schweiz sitzt oder in Gibraltar, oder wo auch immer, und dass die Arbeit in Berlin gemacht wird. Da gibt es mehrere größere Startups.

Für Bitcoin und Lightning ist das jetzt nicht so wesentlich, weil da passiert Protokoll-Arbeit in der verteilten Developer Community und es geht nicht um irgendwelche ICO-Projekte, wo ganz viel versprochen wird und ganz, ganz viel Geld eingesammelt wird. Sondern es geht um die kontinuierliche Entwicklungsarbeit – die Einnahmen als Entwickler sind im Vergleich zu manchen ICOs eher gering.
Aber es geht natürlich um viel, Bitcoin ist das größte Protokoll und am wertvollsten und da geht es schon um viele Werte.

Es gibt in Berlin oder auch auf der Welt wenige große Firmen, die über so ein ICO-Budget von 100 oder 200 oder 300 Millionen verfügen, um jetzt Protokolle zu bauen, sondern das ist eher dezentral und da gibt es kleinere Firmen, die auch teilweise ihre Leute bezahlen, um dann auch zum Quellcode beizutragen.

,,An Bitcoin arbeitet man aus Idealismus“

Gallas: Also hier, beim Lightning Hackday – das ist schon eher aus Idealismus, wir nehmen nichts für die Veranstaltung. Wir haben einen Sponsor, der quasi die Kosten abdeckt, aber alle Leute, die hier sind, haben das komplett auf die eigene Kappe genommen. Es gibt noch nicht mal Reisezuschüsse oder Unterkunftszuschüsse oder so was, sondern alle, die hier sind, machen das, weil sie Bock draufhaben.

Base58: Ich habe eben ein bisschen aus deiner Antwort herausgehört, dass es momentan sehr stark diese Blockchain- und Bitcoin-Diskussion gibt. Der Vorwurf an Bitcoin ist, dass es nicht skaliert, es ist zu schwer, ist nicht schnell genug, es ist nicht anwenderfreundlich et cetera. Siehst du hier, gerade mit dem Bitcoin Second Layer Protokoll, einen Schritt in Richtung Massenadaption?

Lightning: Das Second Layer Protokoll für Bitcoin

Gallas: Es gibt eigentlich einen Konsens in der Mehrheitsmeinung, um es mal so auszudrücken, dass Blockchains nicht skalieren. Und mit Skalierung meine ich auch nicht 10.000 Transaktionen pro Sekunde, weil das ist auch keine Skalierung in diesem Sinne.
Wenn du über IoT nachdenkst, mit Milliarden oder Billionen Transaktionen pro Sekunde, die dann möglich sind, brauchst du ja eine richtige Skalierung.

Und deswegen führt der Trend dahin, dass du eine zweite Schicht aufbaust, ein Second Layer Protokoll, und quasi die Blockchain, in dem Fall die Bitcoin-Blockchain, als Anker nimmst, als starkes Fundament, worauf du einen riesigen Transaktionsturm bauen kannst, der dann aber nicht schwankt, weil das Fundament stark genug ist – statt alles in die Fläche zu bauen.

Vielleicht ist das Bild gar nicht so schlecht. Nach oben hin hast du halt sehr, sehr viel Platz, aber in die Breite – das ist ja auch so im klassischen Bau – ist es irgendwann zu Ende. Da kommt ein Fluss oder ein Berg und dann kannst du auch nicht weiter bauen.

Ja, und dahin geht eigentlich die Reise – eine zweite Schicht, wo Transaktionen über State-Channels oder Payment Channels laufen. Aktuell zumindest ist es das, wo gerade am meisten Musik drin ist und es auch so aussieht, als ob das in der Masse wirklich skalieren kann, weil du die guten Eigenschaften von Bitcoin, wie Dezentralisierung und die Sicherheit und die Unzensierbarkeit immer noch aufrechterhältst.

Fulmo – bessere Skalierungsmöglichkeiten für Bitcoin

Base58: Du hast ein neues Unternehmen oder eine Organisation gegründet – Fulmo. Worum geht es da?

Gallas: Fulmo ist Esperanto und heißt Blitz, das ist schon fast selbsterklärend. Also, es geht um das Bitcoin Lightning Network und Skalierungsmöglichkeiten. Aber weil wir halt Bitcoin-Fans sind, geht es im Prinzip hauptsächlich um Bitcoin und da ist ja eigentlich auch am meisten los jetzt. Es gibt zwar auch andere Lösungen für andere Netzwerke, aber da hängen wir jetzt einfach mehr dran, historisch und auch aus Überzeugung.

Bitcoin-Forschung ist Arbeit am Ökosystem

Wir sind ein Research-Startup und momentan noch in der Phase, wo wir einfach alles anschauen, versuchen das Ökosystem zu verbinden, jetzt auch mit dem Lightning Hackday eine Plattform aufbauen, um zu schauen, was gerade geht und wer da aktiv ist, um dann daraus ein gesundes Unternehmen zu machen.

Es geht nicht um das nächste Einhorn, aber man muss ja auch von irgendwas leben, und wenn man ein paar Angestellte zahlen kann, die verschiedene coole Ideen verwirklichen können – Consulting oder Apps oder von mir aus auch Eventorganisation, das sind ja alles Bereiche, wo auch eine gewisse Expertise gefragt wird.

Krypto-Anarchismus und Cypherpunks

Base58: Letzte Frage. Du hast ein Shirt an mit Krypto-Anarchismus, das finde ich ziemlich cool. Wofür steht das und wofür braucht man Krypto-Anarchisten?

Gallas: Also, der Grundgedanke von Krypto-Anarchie ist die Verwirklichung von Anarchie, sich von einer Zwangsherrschaft mit der Verwendung von kryptografischen Mitteln zu befreien. Und das ist schon eine relativ alte Idee, die mit Verschlüsselungsbewegung der Cypherpunks entstand.

Die bauten auf Verschlüsselung auf und ihre Ideen haben damals mit der Entwicklung von PGP den ersten großen Schub gekriegt, weil du im Prinzip auch deine Kommunikation vor Angriffen schützen konntest – wirklich das erste Mal in der Geschichte auf breiter Ebene – gegenüber mit feindlicher oder böser Absicht handelnden Dritten.

Das muss nicht immer zwangsläufig der Staat sein, aber häufig genug passiert das. Und jetzt hat man eben auch die Möglichkeit, das auf seine wirtschaftliche Existenz auszuweiten.

Du kannst dich jetzt, theoretisch zumindest, komplett frei machen von bestimmten Einflüssen, von bestimmten Zwängen, und danach dein Leben wieder formen und komplett selbstbestimmt und zwanglos handeln.

[Bild: Jeff Gallas]

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